Findet ein bewegtes Hundeleben einen ruhigen Endpunkt? ...hier bei den... Momentaufnahmen.de.tf
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Findet ein bewegtes Hundeleben einen ruhigen Endpunkt?
Vor einiger Zeit kam die Geschichte einer Hundeirrfahrt in mein Leben. Am Niederrhein lebt Familie Weber, die für sich Maßstäbe setzt, die für viele ein Beispiel geben können. Das Engagement für Kreaturen, die keiner haben will, ist vorbildlich - sie sind sehr aktive Mitglieder des Tierhilfe Dinslaken - Voerde e.V. Lassen wir sie zu Wort kommen: Wir haben zwei Hunde, die Mischlingshündin Daisy und einen Bouvier-Rüden, Attila. Diese zwei wollte man einfach wie alte Möbelstücke auf die Straße stellen. Durch unsere Arbeit für mißhandelte, ausgesetzte und herrenlose Vierbeiner bleibt es nicht aus, daß wir manchmal nicht die Möglichkeit haben, diese Tiere an eine liebevolle Familie weiterzugeben. So blieben Daisy und Attila bei uns. Sie gehören zu uns seit Jahren.
Eines Tages kam Bärchen zu uns. Bärchen? Man brachte uns einen Bouvier-Rüden, der an einer Kette auf Betonboden ohne Wasser und Fressen aufgefunden worden war. Er bewegte sich wie ein Bär und war genauso knuffig. Klar - für uns war er erstmal Bärchen.
Bärchen war ungefähr zehn Jahre alt, ein ehemals stattlicher Rüde von 75 cm Schulterhöhe und mit einer leicht defekten Hüfte. Wer will so einen Hund schon haben? Unsere Tierärztin hatte eine Idee: Herr und Hund müssen zusammenpassen. Also alter Hund zu altem Hundeliebhaber. Sie hatte erst vor kurzer Zeit einen schwerkranken Schäferhund einschläfern müssen, der von seinem Herrn über alles geliebt wurde. Das war ein Ansatz.
Bärchen kam in den Kombi und ab zu dem älteren Herrn. Jetzt kam es drauf an! Der erste Satz des möglichen neuen Herrchens: "Ist der aber knuffig - aber leider kein Schäferhund". Seinen letzten Boris, der mit ihm Freud und Leid geteilt hatte, vermißte er sehr. Seinen letzten? Alle seine Schäferhunde hießen Boris.
Wir erzählten nun von Bärchen und den Umständen, unter denen er aufgefunden worden war. Der ältere Herr wurde richtig wütend, er konnte solch ein Verhalten gegenüber Tieren nicht verstehen. Bärchen hatte schon entschieden: Hier bei dem Mann fühlte er sich wohl. Der ältere Herr bat um einen Tag Bedenkzeit. Ob er wußte, daß Bärchen die Entscheidung schon getroffen hatte? Nun ja, vorerst nahmen wir Bärchen wieder mit zu uns.
Schon am nächsten Morgen kam der Anruf: Bärchen konnte kommen. Bisher hatte Bärchen die Sonnenseite des Lebens nicht erblickt. Das änderte sich jetzt schlagartig. Als Bärchen kam, war alles bereit. Spontan waren die beiden ein Team. Bärchen kuschelte sich sofort an seinen neuen Herrn. Klar, daß der Hund seinem Herrn sofort folgte. Es war, als ob die beiden sich schon jahrelang kennen.
Eine Sorge hatte der neue Besitzer aber gleich von Anfang an: Ich bin heute 76 Jahre alt, was ist wenn mir was passiert? Was wird dann aus meinem Hund? Er bekam unser Versprechen, daß wir einspringen, wenn etwas passiert. Das war die letzte Hürde. Bärchen hatte sich schon hingelegt - daß Menschen immer so viel noch zu reden haben...
So wurde aus Bärchen dann Ben, denn ein "richtiger" Name mußte sein. Und irgendwie wollte der neue Besitzer diesmal den Hund nicht Boris nennen. Wieder einmal hatten wir einen Hund erfolgreich weitergegeben. Diesmal entwickelte sich aus dem Kontakt eine tiefe Freundschaft. Wir mochten diesen netten, liebenswerten Menschen, und er mochte uns. Auf einmal gehörte er mit Ben zur Familie.
Es gab viele Begegnungen und gemeinsame Unternehmungen mit den Hunden. Bis wir uns eines Tages - viel zu früh - nach zweieinhalb Jahren für immer von dem gerade gewonnenen Familienmitglied trennen mußten. Und da war Ben, der sich ebenfalls von seinem geliebten Herrn trennen mußte. Ben brauchte jetzt viel Liebe und Streicheleinheiten. Wenn er Memoiren schreiben würde, wäre diese Zeit sicher die schönste des Lebens von Ben.
Wir hatten unser Versprechen gegeben. Ben lebt jetzt bei uns, und mit ihm lebt die Erinnerung an einen liebenswerten Menschen, den wir kennenlernen durften. Unsere große Liebe zu Tieren hatte uns zusammengebracht, und dafür sind wir dankbar. Wir brauchen Kontakte zu Menschen wie die zu diesem Herrn, denn dadurch können wir in Not geratenen Tieren helfen. Die Tiere helfen aber auch den Menschen, denn sie sind echte Freunde und geduldige Partner.
...soweit die Familie Weber
...ein halbes Jahr später hörte ich von diesem Abschnitt im Leben des Mannes und des Hundes. Der Mann war mein Vater, den ich in meinem bewußten Leben nur ein paar Tage erlebt habe. Ben wäre eigentlich „mein Erbe“ gewesen. Zu dem Zeitpunkt, als ich davon erfuhr, war Ben schon ein halbes Jahr bei Webers. Das eigene Zimmer, wie dort, konnte ich ihm nicht bieten. ...und Ben noch einmal in eine fremde Umgebung mitnehmen? Sicher war es für Ben ein Geschenk dort seinen Lebensabend verbringen zu dürfen.
Vielen Dank an Familie Weber, die so viel für meinen Vater und Ben getan haben.
Text: Holger Jonas, Wedel, August 2000
Zeichnung: Tatjana Austermann, Hamburg
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