Alle Pflanzen Einfach Leben Lassen
Eine Initiative um blühende Landschaften einfach in die Tat umzusetzen
Apell ist unabhängig von irgendwelchen existierenden Vereinigungen oder Gruppierungen
 
Startseite - home Kontakt/Information/Impressum
 
 
Die subversive Kraft der Wildnis im Garten*

Der Naturgarten - ein Erlebnisraum zwischen strenger Ordnung und romantischem Chaos
In verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten entstehen unterschiedliche Gärten - verwunschene und verwilderte, kühle und strenge, lustvolle und üppige, lauschige und karge. Gartenmoden und -formen lösen sich in steter Folge ab; sie sind Zeugen von Veränderungen, die in uns selbst und in unserer Umgebung vor sich gehen. Gärten lehren uns auch mit dem Lebendigen umzugehen, die darin lebenden Pflanzen und Tiere - und seien sie auch noch so klein und unbedeutend - zu achten. Sie zeigen uns die ökologischen Zusammenhänge auf, etwa dass ein bestimmtes Insekt nur auf einer bestimmten Futterpflanze, zum Beispiel auf der Brennnessel, überleben kann und so wiederum zur Nahrung der im Garten erwünschten Vögel wird.

Die Naturgartenidee hat sich seit den siebziger Jahren trotz anfänglicher heftiger Ablehnung bei manchen eingefleischten Gärtnern und Gärtnerinnen immer mehr durchgesetzt. Ein naturnaher, üppig wachsender Garten strahlt eine etwas chaotische Romantik aus, appelliert an unsere Lust, auszubrechen, aber auch frei zu gestalten oder faul in den Tag hinein zu leben. Der Naturgarten ersetzt das Harte durch das Weiche, das Geometrische durch das Geschwungene, das Ordnende durch das verwirrend Labyrinthische. Er wird zum Ort des Aufbruchs, wobei diese kleine Revolte nicht nur in den Gemüse- und Blumenbeeten, auf den Kiesflächen, den Fett- und Magerwiesen, in den Teichen und Biotopen oder im Komposthaufen, sondern auch in den Pflanzentrögen und -töpfen auf der Terrasse stattfinden kann. Die Naturgartenidee wendet sich gegen die zwanghafte Bekämpfung von Leben mit Unkrautvertilgern, gegen das «pflegeleichte» Einheitsgrün mit Zwergkoniferen, kriechendem Cotoneaster, Tagetes und Fleissigen Lieschen sowie langweiligen Rasenflächen. Im Garten sollen die Spuren und Vorlieben der Benutzer ablesbar sein: Bemooste Plätze, überwachsene Platten- und Kieswege, zufällige Trampelpfade, niedergetretenes Gras, Ast- und Blätterhaufen und von wildem Grün überwucherte Hinterhöfe zeugen von Lebensqualität. Diese ausufernde Vegetation verändert nicht nur die Grünanlagen in den Städten und die Privatgärten, sie beeinflusst auch unsere Wahrnehmung und unser Umweltverhalten.

Der Naturgarten als Idee
Die Kultivierung von Wildpflanzen geht auf die Anfänge der Gartenkunst zurück. Ein Pionier des Naturgartens war im 18. Jahrhundert der englische Dichter und Kritiker Alexander Pope (1688-1744). Um sein Landhaus in Twickenham an der Themse schuf er eine kunstvolle Wildnis, welche die Natur ausserhalb des Gartens mit einbezog. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, nahmen William Robinson und Gertrude Jekyll die Idee der Wildnis im Garten wieder auf. Sie pflanzten Blumen in ihrer natürlichen Umgebung in Feuchtbiotopen, im Steingarten, in einer Alpwiese, am Waldrand. In ihren Gärten fanden einheimische wie fremdländische Pflanzen Platz, diese blieben zur Abhärtung dann sich selbst überlassen. In seinen bahnbrechenden Büchern «The Wild Garden» und «The English Flower Garden» fordert Robinson für die formalen Gärten seiner Zeit mit ihren strengen Teppichbeeten einen Platz für wild wachsende, sich frei entfaltende Pflanzen. Alle ein-, zwei- oder mehrjährigen Pflanzen, die sich im englischen Klima akklimatisieren konnten, sah er als natürlich an. In informeller Art kombinierte er einheimische Pflanzen mit exotischen und pflanzte Massen von Narzissenzwiebeln ins Gras zum Verwildern.

Als eigentlicher Naturgartenpionier unserer Zeit gilt Louis G. Le Roy, der mit seinem 1974 erschienenen Buch «Natur ausschalten - Natur einschalten» das Walten der natürlichen Prozesse, Werden und Vergehen, Wachsen und Absterben zum Prinzip erhob. Seine Thesen zum Umgang mit der Natur als Gestaltungsprinzip beziehen sich indes vor allem auf die Planung städtischer Grünanlagen, auf das Zurückholen der Natur in Siedlungen, Fabrik- und Büroareale, auf Verkehrsinseln und an die Strassenränder.

In zwölf Ausgangspunkten plädiert Le Roy für die Totalität der Lebensformen und die Funktion der Stadt als Oase. Für einen Naturgarten wünscht er sich verschiedene Mikroklimas, damit sich vielfältigere Pflanzen ansiedeln, diese wiederum werden von mehr Insekten besucht, was die Stabilität der Lebensgemeinschaft stärkt. Bodenversiegelung und Monokulturen im Garten lehnt er ab, denn sie stören das natürliche Gleichgewicht. Nicht Farbe, Form und Gestaltungswille machen einen Naturgarten aus, sondern das, was darin stattfindet. In den Niederlanden hat sich - angeregt vom Vordenker Le Roy - in einigen beispielhaften Anlagen eine Synthese zwischen herkömmlicher und naturnaher Gartengestaltung entwickelt, etwa in den Schöpfungen von Henk Gerritsen und dem Maler Ton ter Linden. Innerhalb formaler Elemente wie Hecken, Rabatten und Rasenwegen finden sich dort chaotisch erscheinende Pflanzungen, die Pioniere wie Seifenkraut, Karde und Königskerze mit Wild- und Kulturstauden kombinieren. So entstehen üppige Gartenbilder, welche geringe Pflege - wenig Wässern - und nur geringe Eingriffe nötig machen. (Der Garten von Ton ter Linden wird wohl mit der Zeit ganz verwildern, da sein Besitzer beschlossen hat, sich auf das Malen zu konzentrieren und die Pflanzen sich selbst zu überlassen.)

In der Schweiz gilt der früh verstorbene Wildstaudengärtner und Gestalter Andreas Winkler als Pionier des Naturgartens. Um Gärtnern eine praktische Anleitung zu geben, hat er den Begriff des naturnahen Ziergartens geprägt. Darin werden nicht ausschliesslich bestimmte Lebensgemeinschaften gefördert, sondern Wildblumen vor allem nach Farben und Arten zusammengestellt. Wiesenblumen lassen sich etwa mit Pflanzen der Feucht- und Schuttflächen (Ruderalstandorte) kombinieren. Für Winkler ist ein solcher Garten «ein weites Feld von Pröbeleien».

Das Gesicht des Naturgartens
Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde unsere Landschaft von Hecken, Feldgehölzen, frei stehenden Bäumen und Obstgärten geprägt. Eine so gegliederte Landschaft strahlt Geborgenheit aus. Gehölze und Hecken lassen sich auch im Garten ansiedeln und sorgen mit dem zwischen ihnen stattfindenden Spiel von Licht und Schatten, dem Wechsel von kleinräumiger Enge und unerwarteten Ausblicken für Abwechslung. Einheimische Gehölze bilden das ökologische und gestalterische Rückgrat des Naturgartens. Eine hohe, als Windschutz dienende Hecke kann aus verschiedenen Weidearten, aus Feldahorn, Erle, Hasel, Süss- und Kornelkirsche bestehen, eine niedrigere Hecke aus Heckenrosen, Weiss- und Schwarzdorn, Schneeball, Pfaffenhütchen, Hartriegel, Sanddorn und Holunder. Je strukturierter eine Gehölzpflanzung ist, desto vielfältigere Lebensräume bietet sie: Neben den von Vögeln beanspruchten Rückzugs- und Nistplätzen werden der Heckensaum sowie Laub- und Asthaufen unter der Hecke bald von Igeln und Blindschleichen, aber auch von Pilzen und Moosen besiedelt.

Margeriten, Glockenblumen, Skabiosen und Wiesensalbei, wogendes Gras, summende Bienen, zirpende Grillen und vorbeigaukelnde Schmetterlinge - ein Sommertraum von der Naturwiese, leicht geträumt, aber nicht so einfach zu erfüllen. Geduld ist gefragt, denn die Lebensgemeinschaft Wiese entwickelt sich langsam, dem entsprechenden Standort und der jeweiligen Pflege gemäss, zu einem organischen Ganzen. Eine mit viel Aufwand erzwungene und kaum standortgerechte Artenvielfalt widerspricht der Idee des Ganzheitlichen im Naturgarten.

Wird in einem normalen, geschnittenen Rasen nicht mehr gedüngt und kein Unkrautvertilger mehr verwendet, entsteht mit der Zeit ein Naturrasen, der mit Gänseblümchen, Günsel, Wiesensalbei, Veronica, verschiedenen Kleearten, Prunella und anderen Blumen sehr artenreich sein kann. Lässt man den Rasen einige Zeit wachsen, beginnen die Pflanzen wie Blumenteppiche reich und dicht zu blühen. Werden diese Rasenflächen gar während mehrerer Jahre als Wiese mit lediglich zwei bis drei Schnitten im Jahr genutzt, blühen die Blumen weniger dicht, einige verschwinden, dafür stellen sich neue ein. Auch mit selbst gezogenen Setzlingen von Lichtnelken, Klatschmohn, wilden Malven und anderen lassen sich Wiesen gezielt verbessern. Eine Blumenwiese ist zum einen Schmuckstück, zum andern bietet sie mit Verstecken und unterschiedlichen Strukturen Lebensraum für viele Tiere. Eine klassische Magerwiese für trockene Lagen oder eine feuchte Streuwiese ist dagegen in den nährstoffreichen Böden des schweizerischen Mittellandes nur schwer zu erreichen.

Ein Blumenmeer vom Frühjahr bis zum Spätherbst, dazu dekorative Samenstände von Stauden und farbige Früchte von Blütengehölzen während des Winters bleiben das erklärte Ziel der meisten Gärtner. Im Naturgarten wie im naturnahen Ziergarten sollten vor allem Wildstauden angesiedelt werden. Wichtig ist dabei die standortgerechte Verwendung der Pflanzen, stellen doch die meisten von ihnen bestimmte Ansprüche an Sonneneinstrahlung und Bodenbeschaffenheit. Auch Blütezeit und Blütenfarbe, die Bestimmung von Leitpflanzen und Begleitstauden spielen bei der Anlage von Staudenpflanzungen eine Rolle. Wer die Pflanzung nicht ihrer eigenen Dynamik von Selbstaussaat oder dem Verschwinden einzelner Arten überlassen will, muss mit Ausjäten und Nachpflanzen steuernd eingreifen.

Denkt man an eine Wasserstelle im Garten, fällt einem ein vielzitiertes Wort von Kurt Tucholsky ein, denn das Wasser inspiriert dazu, «die Seele baumeln zu lassen». Für Ruhe, Meditation und stille Beobachtung eignen sich ein Teich, ein Becken oder auch eine Pfütze gleichermassen gut. Ein Gewässer verändert sich schnell, wird trüb, schlammig, kristallklar, Pflanzen beginnen am und im Wasser zu wuchern, Tiere finden sich ein und verschwinden wieder. Besonders gross ist die Lebensaktivität in warmen, an der Sonne liegenden Gewässern, wobei sich dort allerdings auch die Algen schneller entwickeln. Schattenstellen sind zwar weniger farbenprächtig, beherbergen aber oft speziellere, dem Standort angepasste Tier- und Pflanzenarten. Wichtig sind Flachufer am Teich als Aufenthaltsort für Amphibien und als idealer Platz für Sumpfpflanzen wie Blutweiderich, Wasserdost, Sumpfstorchenschnabel, gelbe Sumpfschwertlilie, Sumpfdotterblume, blaue Iris sibirica und Sumpfvergissmeinnicht, silbrigen Frauenmantel oder verschiedene Gräser. Da Wasserpflanzen sich schnell ausbreiten, soll der Weiher eher spärlich bepflanzt werden. Wasserstellen sind auch Vogeltränken und locken manchmal gar Fledermäuse an, im Flug zu trinken.

Ein relativ neues, naturgerechtes Vergnügen bieten Schwimmteiche im Garten, die ein unbepflanztes Schwimmbecken und ein bepflanztes Biotop miteinander verbinden. Diese «Mini- Seen» können zwar nicht fertig gekauft werden, garantieren dafür eine längere Badesaison, weil das Wasser im Biotopbereich vorgewärmt wird. Da sie ohne Umwälzpumpe funktionieren, brauche sie keine Energie. Wegen der Pflanzen, die das Wasser - wenn auch nicht glasklar - reinigen, entfällt das Absaugen von Schlamm. Dank den Kreisläufen von Pflanzen und Tieren ist die Wasserqualität stets gut genug zum Baden.

Suzanne Kappeler

*NZZ Tagesausgabe
Neue Zürcher Zeitung LEBENSART Samstag, 03.06.2000 Nr.128 111 
© AG für die Neue Zürcher Zeitung NZZ 2000 

...Danke für Deine Aufmerksamkeit...
 
 
Startseite - home Kontakt/Information/Impressum